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Das Meer ist ein bevorzugtes Motiv in den Werken von Crauss.
Das Meer ist ein bevorzugtes Motiv in den Werken von Crauss.

Crauss im Interview

Der Siegerländer Autor Crauss macht sich durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen einen Namen. Mit 'Crausstrophobie' und 'Alles über Ruth' setzt Crauss literarisch neue Akzente. Er bietet mit den beiden Bänden einen erfrischenden Mélange sprachlich dichter Texte und Gedichte.

Wir möchten Ihnen einige Fragen zu Ihrem Lebenslauf stellen. Wann und wo sind Sie geboren?

ich wurde 1971 in siegen geboren und bin im siegerland aufgewachsen, nur selten umgezogen und nur ein einziges mal in spektakulärer weise: als die häuser, die über dem "siegener loch" standen, 2004 geräumt bzw evakuiert wurden und ich innerhalb kürzester zeit meine siebensachen zusammenraffen und aus der gefahrenzone verschwinden musste. dieser umzug fand vom rosterberg mit zwischenhalt in einer schwiegermutter-notkammer hin zum giersberg statt. jetzt wohne ich unterm sender und über der stadt: herrlichster ausblick, glück im unglück.


Wo liegen Ihre geografischen Wurzeln?

meine gesamte familie stammt aus dem siegerland, meine eltern insbesondere aus südsiegen. und wo man aufwächst, ist es immer am schönsten, nicht wahr?


Zu welchen Lebensstationen können Sie uns etwas sagen?

mir fehlen längere aufenthalte im ausland, aber ich bin gerne und häufig unterwegs, nicht nur urlaubsvergnügt, sondern schon aus beruflichen gründen: hin und wieder wird man zu autorenlesungen nach kattowitz, zu diskussionsveranstaltungen nach graz oder zu moderationen nach zürich eingeladen. das begann bereits, als ich noch in siegen studierte (literaturwissenschaften, englisch und geschichte - noch in der absicht, einen solides berufsleben zu nehmen) und mir nebenbei ein literarisches zweitleben aufbaute. seit ich 15 bin, schreibe ich gedichte, balladen und geschichten mit steigender qualität, wie mir gewinne bei literarischen wettbewerben oder der erhalt von künstlerstipendien bestätigen. themen und ausführung der texte haben sich freilich mit der zeit gewandelt, geblieben ist mein enthusiasmus, von der literatur zu leben und mit meiner literatur menschen gut zu unterhalten.

da das leben vom schreiben bislang bloss zur hälfte gelingt, verdinge ich mich zusätzlich (und gerne!) als briefsortierer beim gelben riesen. dadurch bin ich übrigens gefeit vor zuviel trägheit: vom nachdenkenden sitzen am schreibtisch gehts regelmäszig zum kisten-schleppen und pakete-werfen. zwischen alldem halte ich immer wieder schreibworkshops für verschiedene veranstalter, nicht nur in siegen. seit zwei jahren auch habe ich an der universität die seiten gewechselt und stehe nun auf dozenten-seite, um jungen kreativ-köpfen ein wenig literarisches schreiben nahezubringen.


Was verbinden Sie mit Siegen?

ich bin in siegen aufgewachsen, deshalb ist siegen mein zuhause. in einer persönlich sehr schwierigen zeit bin ich nach berlin geflüchtet und dort sowohl von der stadt als auch von den leuten sehr herzlich aufgenommen worden - deshalb ist berlin meine heimat. ausserdem bin ich ein wassermensch, nicht erst seit schwimmverein-zeiten, sondern schon seit den ersten familienausflügen ans meer. das liebste meer ist mir die ostsee, ich bin so oft als möglich dort, genau wie in berlin. und beide, berlin und see, trage ich ebenso innig im herzen wie siegen, an das ich mich mit den jahren gewöhnt habe.

als jugendlicher fand ich siegen furchtbar. man konnte nichts unternehmen, kultur war beschränkt oder spiessig - oder beides. in den letzten 15 jahren hat sich viel getan, vieles entwickelt. ich habe sogar begonnen, mich für vergessene siegener künstler (wie etwa Herrmann Kuhmichel und Reinhold Koehler) zu interessieren und engagiere mich in der aufarbeitung der literaturgeschichte des siegerlandes.

siegen ist für mich eine übersichtliche, ruhige stadt, in der sich gut leben und arbeiten lässt und die ich keineswegs als klein und öde empfinde.


Siegen ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit dem Siegerland. Was bringen Sie mit der Region in Verbindung?

das siegerland ist grün, grün und grün. ich verbinde viel fachwerk, kunsthandwerk und bodenständigkeit mit der region. manchmal bestätigt sich die sprichwörtliches starrköpfigkeit des siegerländers, immer wieder stelle ich aber fest, wie viele menschen sich kulturell im ländlichen raum engagieren, dort, wo man kaum erwartet, dass es neben schützen-, hasen- oder gesangsverein noch etwas anderes gibt. das beruhigt und freut mich.

mit dem siegerland verbinde ich langsame eisenbahnen und die not, ein auto besitzen zu müssen, um angebote in den nächstgrösseren städten wahrzunehmen. andererseits ist man hier sozusagen in der mitte eines fadenkreuzes: 100 km in jede windrichtung und man hat (selbst in marburg) groszstädtisches gewimmel und atmosphäre.

der siegerländer an sich ist übrigens weit weniger unfreundlich als er es von sich selber behauptet. man muss nur auf ihn zugehen, ihn, den zurückhaltenden, einfach ansprechen. unfreundlich sind andere - die stuttgarter zum beispiel - aber nicht der siegerländer. das verkniffene gesicht des siegerländers kommt einzig aus der tradition: harte arbeit, kleine dunkle häuser.


Wo sehen Sie Ihren Lebensmittelpunkt?

siegen, mit starken gummibändern nach berlin und an die ostsee. hier kann ich viel besser und entspannter arbeiten als in der wirklichen groszstadt, die mich stets ablenkt und verführt, auszugehen, eindrücke aufzusaugen, die ich dann aber mangels ruhe nicht verarbeiten kann. ausserdem habe ich familie und beziehung hier.


Wie verlief Ihre Ausbildung?

schlangenlinienartig. anfangs habe ich sehr nach studienordnung gelernt, später immer mehr nach lust, laune und eigenem interesse. mir hätte ein schulisches studium gutgetan, wie es derzeit die studierenden mit der bachelor-regelung erleben.

ich habe auch immer neben dem studium gejobbt und bereits auch literatur betrieben, so dass sich alles in die länge zog. mittlerweile habe ich neben meinem brotberuf und der literatur die seiten gewechselt, zumindest was die uni angeht: jetzt unterrichte ich als frei angestellter selber kreatives schreiben.


Wie haben Sie zum Schreiben gefunden?

eine lange geschichte. ich behaupte, dass ich mein schreibtalent von der grossmutter geerbt habe. nach deren tod fand man lange christliche balladen in der familienbibel, die ich nachahmte und irgendwann dadurch zu einem selbständigen schreiben kam. mein vater wird sich gegen diese version sträuben, denn er behauptet nicht zu unrecht, dass ich einiges künstlerisches talent von ihm geerbt habe. eine meiner frühesten schreiberinnerungen ist, wie ich mit acht oder zehn einen dicken bürokalender mit einer schatzinsel-geschichte füllte. enthusiastisch, und damals noch gleichberechtigt interessiert an der illustrativen ausschmückung der story mit palmen-zeichnungen, landkarten-skizzen und dinosaurier-gemälden. leider ist dieses erste meisterwerk irgendwann verloren gegangen.

wie auch immer, anfangs, das heisst: mit 15 oder 16 jahren, waren meine themen sehr von sozialem weltschmerz geprägt und meine gedichte und geschichten aufgeladen von schwulst und kitsch - wie es eben bei jugendlichen für gewöhnlich der falls ist. eine meiner ersten balladen berichtete von einem ddr-flüchtling, dem es im bösen westen nicht anders erging als im osten. vom regen in die traufe. kriegsgedichte folgten, aids-gedichte, und irgendwann weitete sich das spektrum. gleichzeitig damit liess der schwulst nach, es entstanden texte, mit denen ich auch heute teilweise noch zufrieden bin.


Worüber schreiben Sie?

zwei meiner lieblingsmotive - entsprechend dem verhältnis meiner lebensorte zueinander - sind die groszstadt und das meer. in meinem gedichtband "alles über Ruth" verbindet sich die sehnsucht nach der liebe fürs leben mit dem blick auf die weiten der see.

daneben mag ich unheimliches: jugendliche, die sich im wald verirren und als zombies zurückkehren, eine sommernachmittags-idylle, die sich als tatort entpuppt etc. pp.

themen und motive springen mich meist von alleine an, ich nehme mir nicht vor, "über die liebe" zu schreiben oder "einmal über die slums von sao paolo". was mir begegnet, egal ob in der kneipe oder im zug, zu hause oder auf reisen, wird notiert, zusammengefügt und weiter geschliffen, bis es glänzt und tiefe hat.

manchmal allerdings stelle ich mir eine formale aufgabe, etwa sämtlichen titeln eines fremden gedichtbands neue, eigene texte zuzuordnen, oder eine alternative version eines gedichts (egal, ob von mir oder jemand anderem) zu produzieren. das hat sehr viel einerseits mit meiner literarischen sozialisation zu tun und noch mehr mit meiner musikalität:

in der musik gibt es auch manchmal zwei oder mehr versionen eines stückes. da ich selber kein instrument spiele (ausser früher einem alten dual-plattenspieler und gelegentlich einem anrufbeantworter, die ich mit zu lesungen geschleppt habe), musik und musik machen aber liebe, musste ich mir etwas einfallen lassen, wie ich dennoch dj sein kann; und das geht eben mehr oder weniger gut auch in der literatur.


Welche Ihrer bisherigen Werke/Veröffentlichungen würden Sie als herausragend bezeichnen? Was ist das besondere an diesen Werken?

ich liebe selber meine "Ruth", die ist mir während der entstehung über ca. zwei jahre sehr ans herz gewachsen. darüber hinaus gibt es einzelne unveröffentlichte texte, die ich wahrscheinlich noch gern mir und meinem publikum vorlese, wenn ich achtzig bin. einige dieser texte sind literarische übertragungen ins deutsche von englischen oder französischen chansons, jazz-schlagern und disko-liedern. es macht grossen spass, sie mit meinem kollegen Marcel Diel aus bonn und anderen beteiligten, wie etwa der sängerin Beate Jordan aus dortmund in extra darauf zugeschnittenen lese-programmen darzubieten.


Was verbinden Sie mit dem Schreiben allgemein?

schreiben ist eine mir notwendige form, mich in meiner umwelt zurechtzufinden und mit ihr zu kommunizieren. als pubertierender hatte ich wie alle anderen pubertierenden das gefühl, mich versteht eh kein mensch. mit dem schreiben von gedichten und tagebuch konnte ich mich äussern, wenigstens annähernd adäquat zu mir selber sprechen, später auch zu anderen.

das jugendliche nichtverstandenfühlen ist ab einem gewissen zeitpunkt einer lust, mich auszudrücken gewichen. vieles von dem, wofür ich früher keine sprache hatte, kann ich mittlerweile auch so mitteilen, ohne gleich poetisch zu werden. bei anderen gelegenheiten schätze ich es sogar, missverständnisse zu provozieren: das ist kreativ und spannend, nicht nur für mich, sondern meist auch für mein gegenüber.

die lust des ausdrucks geht selbstverständlich einher mit der erkenntnis, dass menschen auch zu meinen lesungen kommen und sich in vieler hinsicht dabei gut unterhalten. sie interessieren sich für das, was ich zu sagen habe. auch vorlesen (was ich in der schule hasste und auch nicht gut konnte) ist eine art lustvolles schreiben geworden.


Welchen Schreibstil bevorzugen Sie und warum?

schreibstil? ist damit gemeint, ob ich mit der hand schreibe oder wie meine texte aussehen? ja, tatsächlich: ich schreibe mit der hand, zumindest meine gedichte. die allerersten notizen und die erste ausführung, an der ich lange herumstreiche und verbessere, geht mit kuli oder faserstift zunächst aufs papier. das ergebnis tippe ich in den rechner, drucke es aus und korrigiere wiederum kleinigkeiten oder manchmal auch grösseres. diese fassung landet erneut im rechner. letzte winzigkeiten mit eventuell grosser auswirkung (zb. die streichung eines kommas) werden dann nur noch im computer vorgenommen. meine prosa-texte, also kurze geschichten oder experimentelle stücke, schreibe ich direkt in den rechner und korrigiere sie auch dort.

viele meiner texte spielen mit sprache als sprachmaterial, vor allem auch gedichte aus der "Crausstrophobie" und unveröffentlichte oder bislang bloss in zeitschriften veröffentlichte geschichten. dafür sammle ich zb zeitungsausschnitte, montiere teile einer verrückten meldung mit einem satz von Hölderlin und verändere diese montage von absatz zu absatz, so dass am ende vielleicht etwas komplett anderes herauskommt als am anfang stand. oder ich horche dem klang von wörtern nach und überlege, aus welchen anderen wörtern sie bestehen oder mit welchen ganz abwegigen begriffen sie ähnlich klingen bzw aussehen. das ergibt überraschende kombinationen und ermöglicht einen blick auf die wahrheit der dinge.


Für wen schreiben Sie?

zunächst für mich selbst. auch, wenn ich mit meiner literatur an die öffentlichkeit gehe, menschen teilhaben lasse oder ihnen sogar eine freude mit meinen texten bereite, geschieht das zu einem grossen teil zum erhalt meiner eigenen lebensgeister. natürlich will ich auch, dass die leute meine bücher lesen. und die bücher, die ich mache, sind nicht nur für liebhaber komplizierter lyrik, sondern durchaus auch für leute, die zwischendurch einen guten klang im ohr wollen oder kleine ungereimtheiten im leben lieben. einige leute haben mir schon gesagt, dass sie eigentlich nichts mit lyrik anfangen können, aber trotzdem an meinen gedichten hängengeblieben sind und sie immer wieder aufs neue gekostet haben.


Wir sind auf Ihr Internetangebot aufmerksam geworden. Wer sollte Ihre Homepage besuchen? Was findet der Besucher auf Ihren Internetseiten?

www.crauss.de gibt einen überblick über meine person und über mein bisheriges schaffen. es stehen einige texte aus meinen büchern auf der homepage, und demnächst wird es sogar hörproben geben. menschen, die sich ein bisschen für das interessieren, was im siegerland literarisch los ist, kommen ebenso auf ihre kosten wie allgemein und überregional interessierte. neben den texten gibts auch einige photographien und viele anspruchsvolle links zu photo- und literaturadressen. auf www.crauss.com gibts ein paar Crauss-texte in fremden sprachen: englisch, polnisch, italienisch...


Warum sollte der Interessierte gerade Ihre Homepage besuchen?

ich verzichte auf unnötigen schnickschnack. viele websites sind überfrachtet mit werbung und kurzinfos oder sehr unübersichtlich gestaltet. da ich meine seiten selbst bearbeite und keine grösseren programmierkenntnisse habe, schützt mich das ein bisschen vor dingen, die das wesentliche verstellen: die literatur.


Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

reich und sexy zu werden mit der literatur.


Was planen Sie konkret in der näheren Zukunft?

im sommer 2005 entsteht meine erste CD, die ein best-of mit beliebten texten sowie gedichte aus "alles über Ruth" und dem live-programm "gesprochene lieder" enthält.

darüber hinaus schreibe ich bereits fleissig an einem neuen gedichtband, in dem eines der hauptthemen die fliegerei und das pilotenleben ist (da spielt wieder die liebe hinein), aber auch schreibverfahren aufgegriffen werden, die ich seit veröffentlichung der "Crausstrophobie" vernachlässigt habe.


Vielen Dank.

Link: www.crauss.de

Zu Siegen hat Crauss ein inniges Verhältnis
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